Digitalisierung

„Bier first. Bedenken second.“ ist null differenziert. Aber hier geht es nicht um die Politik einer einzelnen Partei. Sondern um die Fragwürdigkeit zu früher digitaler Bildung für unseren Nachwuchs.

Heute Abend habe ich alle Pläne über den Haufen geworfen, weil ich mich spontan veranlasst sehe, etwas über ein zeitgenössisches Dogma zu schreiben: Die Digitalisierung.

Viele kennen mich als jemand mit einer sehr großen Affinität zu Computern und dem Internet. Das ist in der Branche, in der ich meine Brötchen verdiene, längst nicht selbstverständlich. Ich sehe in der Digitalisierung große Chancen. Das Internet fördert den Austausch zwischen den Menschen und kann zur Demokratisierung beitragen. Wir sind heute Brecht’s Radioutopie näher, als wir ihr mit der Radiotechnik je waren.

Aber die Schattenseiten der Digitalisierung dürften niemanden entgangen sein. Ich halte es für müßig, hier jetzt eine Liste von Beispielen zu bringen; wer die Nachrichten verfolgt, wird täglich Beispiele sehen. Natürlich war früher nicht alles besser, aber auch nicht alles schlechter. Und die Digitalisierung wird auch nicht den Menschen besser machen, sie gibt ihm nur neue Mittel um dasselbe zu tun, was er vorher mit anderen Mittel tat. Nur vieles halt viel schneller, und da liegt schon eines der Probleme. Aber dazu ist schon genug von viel kompetenteren Menschen geschrieben worden. Derzeit sieht es aus meiner Sicht auch eher so aus, dass die Digitalisierung weniger dem Menschen dient, als großen Unternehmen.

Einige fordern daher, Kinder von den Neuen Medien fernzuhalten. Das halte ich für den falschen Weg. Wie sollen sie als Erwachsene kompetent mit Computern und dem Internet umgehen, wenn sie es nicht früh genug lernen? Medienkompetenz wird daher schon von vielen als die vierte Kulturtechnik nach Lesen, Schreiben und Rechnen gesehen. Dem stimme ich zu. Aber ich sehe sie eben erst als die vierte Grundkompetenz! Lesen von Papier, Schreiben (Schreibschrift) mit der Hand auf Papier und Rechnen – im Kopf – sind um vieles wichtiger und sogar Voraussetzung für den sinnvollen Umgang mit dem Internet.

Eine genaue Abschätzung, wann ein Kind sich digitale Geräte erschließen sollte, ist individuell sehr unterschiedlich. Auf diese Unterschiede zwischen Kindern kann im Schulalltag naturgemäß nur eingeschränkt eingegangen werden. Daher würde ich pauschal für das Grundschulalter vorsichtig sein und sicherstellen, dass körpernähere Kompetenzen zuerst sicher erworben wurden. Das gilt nicht nur für die Handschrift, sondern auch für das Schnürsenkelbinden und das Schwimmen.

Schon von den Römern wurde uns überliefert, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt. Wir sind zuerst körperliche Wesen und werden krank, wenn wir körperliche Bedürfnisse zu kurz kommen lassen. Menschen sollten sich zuerst sicher in der physischen Welt bewegen können. Die Mittel sich diese zu erschließen sind primär unsere Sinne. Medien – egal welcher Art – sehe ich erst an zweiter Stelle. Ähnlich dem Körperwachstum ist die Gehirnentwicklung von Kindern noch nicht abgeschlossen. Prominente Hirnforscher wie Manfred Spitzer beobachten negative Entwicklungen des Gehirns beim intensiven Gebrauch digitaler Medien bei Kindern und Jugendlichen. Auch Kinderärzte sehen die Entwicklung von Sprache und Motorik in Gefahr. In Zukunft können Studien hinzukommen, die etwas präzisiere Erkenntnisse bringen und vielleicht sogar das Gegenteil beweisen. Im Moment halte ich aber noch eine gewissen Skepsis für angemessen.

Nicht zuletzt auch aus politischen Gründen. Wenn eine Schulklasse mit Geräten ausgestattet wird, gewinnt in jedem Fall immer der Verkäufer und Hersteller der Geräte. Auch wenn die Einführung der neuen Lernmittel an der Schule scheitern sollte, das Geld ist weg, das auch zum Heizen einer Schwimmhalle oder für eine Inklusionskraft hätte verwendet werden können.

Daher erlaube ich mir den Einsatz digitaler Geräte an Grundschulen skeptisch zu sehen. Und ihren Einsatz in den ersten beiden Schuljahren, halte ich sogar für einen Fehler, da das Schwergewicht auf viel basalere Kompetenzen liegen sollte.

Das sage ich als Vater, der seiner Tochter Wurzeln und Flügel geben will.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

4 Gedanken zu „Digitalisierung

  1. Tatsächlich denke ich auch, dass es müßig ist, ein für alle richtiges Alter zu definieren.
    Wichtiger als die Bestimmung einer Altersgrenze wäre es daher und in Anschluss an deine Ausführungen zu überlegen, wie es der Gesellschaft gelingen kann, Kinder auf einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit neuen Medien vorzubereiten. Hierbei sind Familien, Kitas, Grundschulen, Schulen, Universitäten und Betriebe, Firmen,… gefragt.
    Diese Aufgabe beginnt eben nicht erst, wenn Kinder zum ersten Mal ein Gerät in der Hand halten.

    1. Hallo Frank und ich muss Dir wiedersprechen.

      Natürlich muss es ein für alle verbindliches Alter geben, eines mit dem man auf der sicheren Seite ist. Das ist wie bei Medikamenten oder bei Horrorfilmen usw.

      Und ja, man muss Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten. Aber ich bereite ein Kind nicht auf die Gefahren des Straßenverkehrs vor indem ich es alleine in die Stadt lasse sondern indem ich ihm vorher die Verkehrsregeln erkläre, was eine Ampel ist oder ein Zebrastreifen usw.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

  2. Hallo Bernd.

    Ein schöner Beitrag, nur hast Du in meinen Augen ein paar Gedankenfehler die heute in der Luft liegen und denen man sehr schwer entkommt.

    Medienkompetenz ist nur ein Schlagwort. Über den Begriff selbst wird aber viel zu wenig nachgedacht sondern er wird immer unreflektiert verwendet.

    Auf jeden Fall ist Medienkompetenz keine Kulturtechnik. Mit gleichem Recht könnte man auch von Fernsehkompetenz sprechen, oder von einer Zeitungskompetenz usw.
    Sondern es ist ein Werkzeug für das man gewisse menschliche und geistige Fähigkeiten braucht um es zu verstehen und konstruktiv damit umgehen zu können.
    Und das lernt man nicht am Computer oder im Internet.

    Und natürlich sollte man Kinder so lange wie möglich von Computern fernhalten. Wir leben in einer Buchkultur und unsere Gesellschaft kann nur bestehen wenn ein Großteil der Menschen weiter durch das Buch und das dadurch geforderte Denken sozialisiert wird.
    Wir als Erwachsene können kompetent mit diesen Medien umgehen, gerade weil wir nicht mit ihnen aufgewachsen sind. Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen und immer mehr Einzelbeobachtungen aufmerksamer Lehrer.

    Mir hat bis heute noch niemand klar machen können was die Vorteile einer frühen Digitalisierung des Unterrichts sind. Vorteile für das Gehirn und die Bildung der Kinder, Vorteile für die Zukunft unserer Kultur und Gesellschaft und Vorteile die durch ein in erster Linie als Unterhaltungsspielzeug gebrauchtes Medium für unsere Zukunft entstehen sollen.

    Liebe Grüße,
    Thomas.

  3. Also, bei meinen Kids meinte ich, dass sie damit ganz natürlich aufwachsen sollten und wir machten als Eltern unsere Kinder bereits schon im Kindergartenalter mit dem Computer vertraut…. Natürlich im angemessenen Zeitrahmen…Und ja, dass kann Grundsätzlich von Vorteil sein, da sie besser vertraut sind, als gleichaltrige 🌼💮🌸🌻🌺🍀😎🌚😘

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