Erwachsenensprache von Robert Pfaller

Ich freue mich, dass mein Kollege Heinz Kischkel ein weiteres Mal in meinem Blog mit einem Gast-Beitrag zu Wort kommen möchte. Eine zuerst unterschätzte Neuerscheinung macht nun in den Medien die Runde. Wer folgenden Artikel liest, wird verstehen, dass wir Pfallers Thesen nicht unangegriffen stehenlassen können. Es folgt in einer Sprache für Erwachsene…

Heinz Kischkel über

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.

Mit seiner Grundthese sagt Pfaller, dass die Diversifizierung in Diskriminierungskollektive die klassische Öffentlichkeit und die in ihr artikulierte Einheit vernichte. Das sei die Ideologie des Neoliberalismus, der damit den Grundwiderspruch verschleiere, durch den weite Teile der Bevölkerung verarmten, während eine immer kleinere Schicht immer reicher werde. Statt dagegen anzukämpfen, befasse man sich mit lächerlichen „Mikroaggressionen“ und albernen Sprachregelungen der political correctness. 

Ablenkungsmanöver des Neoliberalismus?

Eine Erklärung, warum die neoliberale Spielart des Kapitalismus gerade diese Variante der Ablenkung hervorbringt, gibt Pfaller nicht. Die These vom Verfall und Ende des öffentlichen Lebens übernimmt er ausdrücklich von Richard Sennett, der jedoch in seinem gleichnamigen Buch keineswegs den Neoliberalismus, sondern die Bürokratisierung mit ihren „white collar jobs“ dafür verantwortlich macht [cf. ibd. Frankfurt/M. 1986, S. 411ff.]. Der „neoliberale Appell“, die „Individuen als unendlich reine, weil schwache Subjekte“ zu betrachten [62], ist eine beleglose Erfindung Pfallers. Die Ideologie: „Denn man hat ja offensichtlich begonnen, mit Erwachsenen so kindlich zu sprechen, damit sie erst gar nicht auf den Gedanken kommen, sich gegen die neoliberalen Entwicklungen zur Wehr zu setzen. Je … mehr sie geneigt sind, sich durch Kleinigkeiten verletzt zu fühlen, desto weniger sind sie in der Lage, sich untereinander zu solidarisieren“ [62], klingt allenfalls auf den ersten Blick logisch. Verdummte Menschen nützen allen Ideologien und das Motto „Teile und herrsche“ („divide et impera“), hier bezogen auf die Diversifizierung, ist spätestens seit Machiavelli (1532) gut belegt.

Ersetzungsoperationen ad infinitum

Treffend scheint mir lediglich der Hinweis, dass die Ersetzung eines als unpassend oder diskriminierend empfundenen Wortes durch ein neues, das alte nicht spurlos tilgt, sondern neben dem durch das Wort Bezeichnete (das Signifikat) auch noch die Ersetzungsoperation selbst und den negierten Begriff mit transportiert. Weshalb dieses Ersetzungsverfahren meist kurzlebig ist und häufig wiederholt werden muss.

Pfaller und die Postmoderne

Pfallers scheinheiliger Auftritt gegen die Postmoderne und für die Vernunft bleibt jedoch in ihrer Unvernünftigkeit vollkommen postmodern: willkürlich, geschwätzig, Fakten erfindend und am Ende reaktionär. Schaut man ins Namensregister, sind Freud und Nietzsche die am häufigsten zitierten Gewährsleute (gefolgt von Althusser und Pfallers Freund Žižek, der es noch auf 14 Belegstellen bringt, während Marx lediglich acht Mal zitiert wird).
Überschriften wie „Reaktionäre Mimosen: Größtes Pathos für kleinstes Pipifax“ [47], zeigen den Unernst, der in vielen Argumentationen auffällt. Diejenigen, die von der Verwaltung der Missstände leben, werden nach Pfaller „niemals wirklich gute Vorschläge“ machen „oder gar Abhilfe“ schaffen. Und dann wird ein Mythos als Tatsache zitiert: „Darum wurde im alten China das Schema umgekehrt, und man bezahlte Ärzte immer nur so lange, wie ihre Patienten gesund waren.“ [30] Vergeblich kämpft der Medizinhistoriker Paul Unschuld (Medizin in China. Eine Ideengeschichte, Beck 1980) seit 30 Jahren gegen diese Mär. (Cf. dazu: www.zeit.de/2004/20/Stimmts_Chinesische_Medizin).

Abstammung der political correctness aus der Literaturtheorie?

In der political correctness gelte, wer sich verletzt fühle, habe recht, und dieses Prinzip stamme aus der „progressiven Literaturtheorie“ der 1960er Jahre, wonach die Textbedeutung vom Leser, nicht vom Autor, bestimmt werde. „Die aktuellen Exzesse der Beleidigtheit und der gefühlten Vergewaltigung sind die Wahrheit und die Nemesis dieser Literaturtheorie.“ [55] Das ist historisch genauso unsinnig wie inhaltlich falsch, denn der Begriff der political correctness stammt aus späterer Zeit, wurde in den USA geprägt, und die angesprochene Literaturtheorie, namentlich aus „Das offene Kunstwerk“ (Umberto Eco, Mailand 1962), leugnet nicht die Autorintention, macht aber darauf aufmerksam, dass die jeweilige Aktualisierung einer Textbedeutung kontextabhängig ist und insofern jeder neue Leser eine neue Lesart initiiert. Die progressive Literaturtheorie vertritt lediglich die Auffassung, dass diese Lesarten neben der ursprünglichen Autorintention legitim sind und von modernen Autoren (häufig z.B. in der Lyrik) mitbedacht werden.

Treffende Beobachtungen, falsche Erklärungen

Endgültig krude wird es, wenn Pfaller die Sensibilität zur Wirklichkeitsverleugnung erklärt und dagegen hält: „Die Unfähigkeit zu akzeptieren, dass wir in dieser Welt vielleicht nicht imstande sind, weniger Schaden als Nutzen anzurichten … oder, wie Nietzsche es ausdrückt, dass ‚das Leben essen- tiell … verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungiert …‘, zeugen von einem Ich, das von seinem Über-Ich umstellt und zu totaler Ich-Konformität gezwungen ist.“ [136] Dieses fatalistische Denken hat nichts mehr mit jenem sozialistischen gemein, welches einmal den Menschen aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit führen wollte.

Bei Pfaller sind nicht die Beobachtungen aktueller Entwicklungen, wie das Verschwinden der Öffentlichkeit oder die Infantilisierung der Gesellschaft falsch, sondern seine Erklärungen derselben, entweder mit der Keule eines nicht weiter aufgeschlüsselten „Neoliberalismus“ oder mit hanebüchenen pseudo-psychoanalytischen Erzählungen, die jede Sensibilität zur Paranoia erklären, die wiederum zu Nietzsches „Ressentiment“ führe, weil der Sensible den Robusten verachten, hassen und bekämpfen müsse.

(Ein Beispiel für sinnfreie Pseudo-Psychoanalyse: „Dieses [„paranoische“] Über-Ich befindet sich also genau dort, wo auch das Ich ist; aber es ist offenbar größer als dieses, da es ihm Vorschriften macht [?]. Darum muss dieses Über-Ich als einkreisend, umzingelnd beschrieben werden.“ [135] Oder: „Dieses doppelte, von Freud bemerkte Paradoxon [dass das Über-Ich immer bestrafe, ‚egal, ob man ihm gehorcht oder nicht‘(?)] zeigt, dass das Über-Ich seiner Natur nach ein gefährlicher Tyrann ist, der nur im günstigsten Fall dazu gebracht werden kann, das Ich nicht mit obszönen double-binds zu drangsalieren.“ [199f.] Der Begriff des double-bind, den Freud überhaupt nicht kannte, stammt von Gregory Bateson (um 1952) und bezeichnet eine charakteristische paradoxale Kommunikationsstruktur, die zur Schizophrenie führt, die jedoch für das Verhältnis von Ich und Über-Ich, als lediglich heuristische Instanzen innerhalb eines Bewusstseins, überhaupt nicht denkbar ist – außer für Pfaller natürlich.

Wirklichkeitsverleugnung

Eine schöne Katachrese liefert auch die folgende Metapher, mit welcher der Nietzsche-Adept fordert, wir sollten Raubtiere und nicht Haustiere sein: „Wenn Regierungen dagegen ihre Bevölkerungen wie … Haustiere behandeln, … dann kann die Konsequenz wohl nur sein, dass man sie in Käfige steckt, die sie vor ihresgleichen schützen.“ Seit wann muss man Haus- statt Raubtiere in Käfige sperren? [138])

Pfaller als Vertreter des Robusten (und Karikatur von Nietzsches „Übermenschen“) kommt zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, ob nicht gerade in den Idiosynkrasien der Sensiblen Refugien für die Widerständigkeit gegen die brutalen Zumutungen des Neoliberalismus aufgehoben sein könnten [cf. dazu z.B. Silvia Bovenschen, Über-Empfindlichkeit, Spielformen der Idiosynkrasie, Frankfurt/M. 2000]. Stattdessen resultieren für ihn aus dem „paranoischen“ Ressentiment die „gesundheitsreligiösen“ Anstrengungen der Selbstoptimierung [135] ebenso wie die extremen Tierrechts-Initiativen, die hyperveganen „Lichtesser“ und die Hetzjäger auf Pädophile: „Trotz der Tatsache, dass Vernachlässigung von Kindern sowie Gewalt gegen Kinder weitaus häufigere und gefährlichere Bedrohungen darstellen, war das kollektive Imaginäre [!] besessen vom Motiv des sexuellen Kindesmissbrauchs.“ [136]. Es folgt der Gipfel der Verleugnung: „Daraus müssen wir die Schlussfolgerung ziehen, dass wir es beim Ressentiment wohl oft mit ‚rebels without a cause‘ zu tun haben“ [137].

Pfallers Verhältnis zur Emanzipation

Immer wieder wirft Pfaller der Emanzipationsbewegung Lustfeindlichkeit vor: „Und hatte im alten Viktorianismus das Patriarchat die Frauen von der Beschäftigung mit unanständigen Dingen abgehalten, so übernahm das nach der konservativen Wende der 1980er Jahre der postmoderne, porno-feindliche Feminismus selbst.“ [35] Fakt ist hingegen, dass es noch nie so viel Pornographie gab wie heute und dass es die Pornographie ist, welche jede Erotik tötet. In seinem Buch über „Interpassivität“ (2008) fragte Pfaller sich noch, warum eigentlich die Männer heutzutage lieber anderen beim Sex zuschauen, als selbst welchen zu praktizieren. Von einem neuen Puritanismus, wie Pfaller ihn konstatieren will, ist tatsächlich nichts zu sehen. Vielmehr wird die Sexualität durch die Pornographie zur ‚neoliberalen‘ Massenware.

Endschieden reaktionär ist auch die Verklärung der klassischen Geschlechterrollen in Pfallers Erwiderung auf Rebecca Solnits Essays in Wenn Männer mir die Welt erklären (2015). Solnits Positionen sind keineswegs radikal feministisch und gehen thematisch in viele andere Bereiche. Besonders ihre Gedanken zu Virginia Woolf sind höchst differenziert, entwerfen eine eigenständige, an Susan Sontags Interpretationskritik anschließende Literaturtheorie, richten sich gegen die „Tyrannei des Quantifizierbaren“ [Solnit, 138] u.v.a.m. Doch Pfaller hört schon nach der Einleitung nicht mehr hin, hier spricht schließlich eine Feministin. Vielmehr gilt es, den Unternehmer aus Solnits Erlebnis, der, weil er nicht zuhören kann, auf einer Party ihr ein Buch ‚erklärt‘, das sie geschrieben und über das er lediglich eine Rezension gelesen hat, zu rechtfertigen.

Dazu erklärt Pfaller, dass es den Männern nicht eigentlich um Erklärungen gehe, sondern darum, „die Frauen zu unterhalten und ihnen interessant zu erscheinen.“ [181] Und das habe „auch etwas Höfliches oder Galantes mit dem Wert der Vermeidung von langweiligem und peinlichem Schweigen“ [ibd.]. Damit hat Pfaller das offensichtlich unhöfliche Verhalten des Unternehmers, der, um ein peinliches Schweigen zu vermeiden, Solnit lediglich hätte ausreden lassen müssen, ins Gegenteil verklärt. Klassisch reaktionär ist auch die Umdeutung des männlich dominanten Auftretens: „Es war in der traditionellen Geschlechterordnung ein Privileg der Frauen, den Männern diese riskante und oft peinliche Aufgabe [der Gesprächseröffnung] überlassen zu dürfen.“ [Ibd.] Das folgende Herumeiern, bei dem man versucht ist, auf dem Niveau des Verfassers dessen Namen mit „Ph“ und lateinischem Suffix zu schreiben, ist symptomatisch für postmoderne Willkür. „Manche Frauen verstanden es auch, Männern eine Freude zu machen, indem sie ihnen Fragen gerade zu den Dingen stellten, zu denen diese Männer etwas sagen und damit brillieren … konnten.“ [183] Das klingt fast wie ein Satz aus einem Roman des ironischen Zynikers Houellebecq. Pfaller hingegen meint es wohl nicht ironisch, ebenso wenig, wenn er diese braven Frauen anschließend mit dem Attestieren „sokratischer Ironie“ belohnt [184]. Tatsächlich folgt völlig kontextfremd ein Zitat aus Platons Menon, um dann wieder mit der Verdrehung der Verhältnisse fortzufahren: „Es sind also die Frauen, die die Männer dazu bringen, ihnen etwas ‚beizubringen‘.“ [185] Man denke nur an die Eingangsszene, in der Solnit völlig geplättet die Überrumpelung durch den arroganten Unternehmer registriert, um die folgende, aus dieser Szene entwickelte Feststellung Pfallers zu beurteilen: „Die weibliche Zuhörerin mag die Rolle der unwissenden Neugierigen spielen, aber in Wahrheit ist sie die Regisseurin, die ihren Erklärer wie eine Marionette tanzen lässt.“ [188] Zur Unterstützung folgt einmal mehr ein Zitat des ausgewiesenen Frauenverstehers Friedrich Nietzsche [cf. 186f.] und dann der gut gemeinte männliche Rat an die Feministin: „‚Emanzipation‘ würde dann lediglich heißen, dass die Frauen ihre besseren Waffen gegen schlechtere eintauschen und in Zukunft nach den Spielregeln und an den Kampfplätzen der Männer spielen und kämpfen müssten.“ [187] Ein warnender Unterton ist hier sicher nicht intendiert…

Es wäre hinnehmbar gewesen, wenn Pfaller sein Argumentationsmuster so aufgebaut hätte, dass er die Bemühungen der Feministinnen, der Veganer, der Tierrechtler etc. als Nebenschauplätze dargestellt hätte, die den Hauptwiderspruch des neoliberalen Kapitalismus verschleiern. Man müsste dann gewiss noch differenzieren zwischen den dogmatischen und undogmatischen Vertreterinnen und Vertretern in allen diesen Bewegungen, denn es ist evident, dass das Ressentiment, von dem Pfaller spricht, nur in den radikalen Flügeln existiert, wo es allein aus dem Dogmatismus resultiert. Es ist jedoch infam und objektiv reaktionär, die gesamten Bewegungen und deren utopischen Ziele mit dem Infantilisierungsprozess der gegenwärtigen Gesellschaft zu identifizieren.

Abschluss

Pfallers Gewährsleute, allen voran Nietzsche, weisen ihn als Vertreter der von ihm nur scheinhaft kritisierten Postmoderne aus. Mit der propagierten, jede Sensibilität verunglimpfenden „Erwachsenensprache“ und dem nur als Stempel benutzten „Neoliberalismus“ wird die Gegenwart nicht wirksam attackiert. Es wird bezeichnenderweise kein einziger Vertreter der Kritischen Theorie zitiert, natürlich auch nicht Walter Benjamin, von dem Karola Bloch folgende ‚höfliche und galante‘ Anekdote über Sensibilität erzählte, die ich hier abschließend wiedergeben möchte: „Wir trafen ihn auf dem Kurfürstendamm, Ernst [Bloch] machte mich mit ihm bekannt. Benjamin sagte zu mir: ‚Gnädigste, ist Ihnen schon einmal das kränkliche Aussehen der Marzipanfiguren aufgefallen?‘ Er zog aus seiner Tasche eine halbe Walnußschale, in die eine Krippe mit Maria und dem Jesuskind aus Marzipan kunstvoll eingearbeitet war. Wir gingen zu dritt in die Mampe-Stube und bewunderten die Walnuß.“ [Zit. nach Peter Zudeick: Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch – Leben und Werk, Baden-Baden 1985, S. 103]

Die Anekdote, die Pfaller erzählt, illustriert ebenso treffend seine ‚Erwachsenensprache‘: „Nach mehreren Tagen ging die Konferenz zu Ende, und Žižek verabschiedete sich während der letzten Kaffeepause. Da standen mehrere Kollegen am Fenster; ich war zufällig der Letzte in der Reihe, und Žižek sagte zu allen „Auf Wiedersehen!“, „Auf Wiedersehen!“ etc. Als er aber zu mir kam, sagte er: „And fuck you!“ – Und ich war sofort sehr stolz.“ [148] Na, dann schließen wir uns doch gern einmal dem großen slowenischen Philosophen an!

Noch eine Anmerkung des Blog-Besitzers: Ich habe den Verdacht, dass Pfaller Žižek falsch verstanden hat und Žižek auch gemeint hat, was er sagte.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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