Kritik des Vorworts zu Russels „Warum ich kein Christ bin“

Heute kommt ihr in den Genuss eines Gastbeitrags von Heinz Kischkel. Heinz ist Social-Media-Abstinent, viele schätzen aber seine Buchtipps auf der Homepage unseres gemeinsamen Arbeitgebers. Er hat sich eingehender mit Karl Barths Denken beschäftigt, womit ich in Martin Walsers Vorwort zur Neuausgabe von Bertrand Russells „Warum ich kein Christ bin“ erstmalig in Berührung kam.

Mir war schon beim ersten Lesen des Vorworts unwohl. Irgendwas stimmt nicht, der Text blieb mir verschlossen. Beim zweiten Lesen wurde mir klarer, worauf Martin Walser hinauswollte, aber der Text blieb recht dunkel und ‚geraunt‘ (Heinz Kischkel). Das Vorwort passt nicht zu Russells Klarheit! Und meine Erwartungen an ein gutes Vorwort wurden nicht erfüllt. Ich bin Heinz dankbar, dass er schnell und in gewohnter Eloquenz seine Irritation zum Ausdruck bringen konnte. Ich freue mich, dass er sowohl mir Klarheit verschaffte, als auch seinen Text hier veröffentlichen lässt. Aber lest selbst…

Heinz Kischkel:

Zu Martin Walsers Vorwort in Bertrand Russells „Warum ich kein Christ bin“

Der Verlag Matthes & Seitz hat sich in diesem Jahr das Verdienst erworben, Bertrand Russells lange vergriffenes Werk „Warum ich kein Christ bin“ wieder aufzulegen. Die Überlegungen des 1970 verstorbenen Mathematikers und Philosophen haben nichts von ihrer Aktualität verloren, obgleich der Text bereits auf einen Vortrag aus dem Jahre 1927 zurückgeht. Damals erforderte es eine erhebliche Courage, solche Thesen zu vertreten. Ganz anders als heute, wenn etwa Kurt Flasch 2013 unter dem gleichen Titel die gleichen Argumente wohlfeil wiederholt. Das lässt sich dank der hervorragend übersetzten Neuausgabe von Russells Essays nun jederzeit nachlesen.

Umso befremdlicher mutet es an, dass der Verlag Matthes & Seitz ein von Martin Walser verfasstes Vorwort abdruckt, welches dem nachstehenden Haupttext in keiner Weise gerecht wird. Von einem Vorwort erwartet man entweder editorische Erläuterungen oder, im Sinne einer Einleitung, eine zeitgeschichtliche und sachliche Einordnung des Textes einerseits in den historischen Kontext und andererseits in Russells Gesamtwerk. Auch eine kritische Frage nach der aktuellen Bedeutung und Gültigkeit der darin vertretenen Gedanken wäre sinnvoll.

Nichts davon findet sich bei Walser, der bereits unter der Überschrift den aberwitzigen „Versuch“ ankündigt, „Bertrand Russell zu ergänzen“. Nach einem überschwänglichen und zugleich völlig inhaltslosen, deshalb wohl eher taktischen Lob von Russells Sprache äußert Walser die Vermutung, „dass diesem … Mann etwas fehlen könnte.“ [7] Es wird sich zeigen, dass er mit dieser Vermutung ausschließlich von sich selbst auf andere schließt.

Zu seinem Vorgehen betont Walser, dass er nicht argumentieren wolle: „Mir käme es lächerlich vor, seinen Argumenten andere Argumente entgegenzusetzen.“ [8] Was will der Mann dann? Erst gegen Ende seines Vorworts erläutert Walser, dass das Argumentieren zum Rationalismus gehöre, während er aus einer Religiosität spreche, die „Zeugnis“ ablege: „Die Sprache des Religiösen ist Zeugnis.“ [19] Das hindert ihn freilich nicht, bereits zwei Sätze später zu argumentieren: Russell spreche über die „Religion“, gemeint ist: als soziales Phänomen, und nicht über „Gott“, gemeint ist: als Gegenstand des individuellen Glaubens. Kurz darauf verlässt Walser dann die rationale Schiene und wechselt auf die „Zeugnis-“ oder Bekenntnisebene: „Ich verstehe nicht, warum jemand, der so deutlich die Abwesenheit Gottes erlebt, warum dem dann Gott nicht fehlt.“ [9] Hier könnte man eigentlich aufhören zu lesen. Denn aus Russells Text spricht in keiner Zeile ein aktives Erleben der Abwesenheit Gottes, wie es für die später zitierten Nietzsche und Kierkegaard zutraf. Russell ist ein durch und durch fröhlicher Atheist.

Alles, was nun noch folgt, geht völlig an Russell vorbei. Zum Beispiel die Dialektische Theologie eines Karl Barth. Diese geht im übrigen auch an Walser vorbei. Für Barth ist „Religion“ in allen ihren Spielarten die stets vergebliche Suche des Menschen nach Gott. Die Selbst-Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist dann Gottes Antwort (als Akt der Gnade) auf das menschliche Suchen, also auf die Religion. Deshalb, Walser zitiert es, besteht nach Barth „unsere Religion … in der Aufhebung der Religion“ [10], Gottes Antwort im Neuen Testament, die natürlich geglaubt werden muss, beendet das menschliche Suchen nach Gott. Und deshalb ist es auch eine „Selbsttäuschung“, wenn der Mensch glaubt, in „Kunst, Moral, Wissenschaft“ Gott näher kommen zu können [ebd.]. Das zitiert Walser, um wenige Seiten später zu behaupten, die Sixtinische Kapelle, das Weihnachtsoratorium und andere Leistungen der Kunst seien Zeugnisse und „Religionsdenkmale“: „Das sind, sage ich anmaßend, auch Argumente.“ [16] Abgesehen davon, dass er gar nicht argumentieren will (s.o.), zeigt dies, dass er Karl Barth nur sehr einseitig verstanden hat. Für diesen sind Kunstwerke zwar schön, aber für den Glauben irrelevant.

Ebenso wenig hat Walser Kant verstanden, wenn er auch denselben Satz gleich doppelt zitiert, wonach „die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt“ [17 und 18f.]. Dem ersten Zitieren hängt Walser den Satz an: „Und dazu gehört Religion nicht!“ [17], dem zweiten stellt er die Frage voran: „Was hätte denn Russell wohl zu dem Satz von Kant gesagt“? [18] Vermutlich doch: Für Kant sind damit die Grenzen der menschlichen Erkenntnis formuliert, und das heißt, dass es jenseits dieser Grenzen keine Erkenntnisse gibt, auch keine religiösen. Man lese dazu Kants Kritik an Swedenborg.

Es gibt nur eine einzige korrekte Behauptung über Russell in Walsers gesamtem Text: „Was er [Russell] gegen den Glauben, gegen das Glaubenkönnen formuliert, das bezieht sich letzten Endes auf das, was er als Glauben in seiner Zeit und Gesellschaft erlebte.“ [11] Das aber bleibt Russells gutes Recht und legitimiert Walser nicht, dem Philosophen, der kein Christ sein will, einen Mangel anzudichten. Oder ihn gar im Schlusssatz in seine Religiosität zu vereinnahmen: „Man wird uns alle … für durch und durch religiös halten. Bertrand Russell inklusive.“ [20] Dahinter gehörte Walsers an anderer Stelle ausgerufener Satz: „Ja, was denn noch, möchte man da sagen.“ [18] Im Grunde ist ein solches Vorwort ein Affront und man fragt sich, warum der Verlag sein Verdienst um die Edition dieses Buches damit befleckt.

Literaturhinweis:

Bertrand Russell: Warum ich kein Christ bin. Matthes & Seitz 2017, 188 S.

(Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin, Beck 2013, 280 S.)

 

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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