Warum Marx recht hat

„Die Arbeiterklasse ist also nicht immer männlich, muskulös und geübt im Umgang mit Vorschlaghämmern.“ In seinem jetzt endlich als Taschenbuch erschienenen Buch Warum Marx recht hat argumentiert Terry Eagleton gegen dieses und viele weitere Vorurteile die über Karl Marx‘ Theorie kolportiert werden. In seinem gewohnt heiteren Stil gelingt es ihm seine Leser sowohl zu informieren, wie zu unterhalten. Eagleton bezeichnet sich selbst als (katholischen) Marxist, beweist aber genug kritische Distanz. So betont er, dass sich mit Klassenkämpfen nicht alle Ereignisse der Geschichte erklären lassen. Der Marxismus ist keine Weltformel die auf alles Anwendung finden kann. 

Häufig wird Marx vorgeworfen von einem historischen Determinismus auszugehen. Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen und würde zwingend zum Kommunismus führen. Eagleton bezweifelt hingegen, dass Marx Determinist war. So ist offensichtlich, dass Marx Einflüsse noch nicht kannte, die den kapitalistischen Status quo zu erhalten helfen bzw. eine Revolution unnötig erscheinen lassen. Beispielsweise kann eine soziale Marktwirtschaft systembedingte Ungleichheiten ausgleichen. Auch waren Marx Boulvardjournalismus und Privatfernsehen als neue Form von „Brot und Spiele“ unbekannt. Eagleton zeigt auch die Widersprüchlichkeiten in Marx Äußerungen, die aufträten, wenn er Determinist wäre.

Ähnlich begegnet Eagleton dem Vorwurf Marx gehe von einem utopischen Mensch aus, der besser, moralischer und weitsichtiger handelt als der heutige Mensch. Eagleton sieht bei Marx keine Festlegung auf eine bestimmte menschliche Natur. Er stellt sich vielmehr Institutionen vor, die Machtmissbrauch und eigensüchtiges Handeln durch ihre Struktur unmöglich machen ohne dass der Mensch sich verändern muss.

Eagleton verteidigt Marx gegen die These, dieser hätte sich überholt und sich speziell auf die Situation im 19. Jahrhundert bezogen. Vielfach wird heute von einem Ende der Geschichte ausgegangen; die Zukunft ist nicht mehr als eine Gegenwart mit mehr (technischen) Optionen. Eagleton zeigt, dass die Klassengegensätze heute eher durch höhere Komplexität verschleiert und durch die Globalisierung in andere Weltgegenden verlagert wurden, aber sich nicht aufgelöst haben.

Eine weiteres häufiges Argument gegen Marx‘ Utopie sind die grausamen Verbrechen die während und nach der Revolution in Russland und anderen Ländern begangen wurden. Eagleton führt die Verbrechen und Kriege an, die der Westen im Namen der Freiheit beging. Geheime Gefängnisse in denen die CIA Muslime foltert, sind auch keine Widerlegung liberaler Werte. Warum sollen sibirische Arbeitslager den Kommunismus widerlegen?

Ein Kapitel widmet Eagleton dem Vorwurf, Marx wäre zu einseitig auf die Wirtschaft fixiert. Das bestreitet Eagleton nicht und betont die grundlegende Wichtigkeit zu wirtschaften um die menschlichen Grundbedürfnisse zu stillen. Natürlich ist die Wirtschaft nicht der einzige Faktor, der die Geschichte bestimmt, aber es könne kein weiterer Faktor mindestens gleichwertig danebengestellt werden.

Solange also Ungleichheit aufgrund der Besitzverhältnisse besteht, bleibt Marx‘ Theorie aktuell. Mehr noch wenn die Schattenseiten des Kapitalismus zutage treten. Auf die gegenwärtige Mehrfachkrise (Immobilienkrise, Bankenkrise und Staatsschuldenkrise) hätte Eagleton noch eingehen müssen um sein Buch abzurunden. Dies überlässt er anderen engagierten Autoren.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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