Das Spiel der Logik

Das weniger bekannte Buch „Das Spiel der Logik“ von Lewis Carroll bringt den Lesenden das logische Schließen näher. Unter seinem bürgerlichen Namen Charles Lutwidge Dodgson ist Carroll als Mathematiker und Logiker weniger bekannt als als Schöpfer des Kinderbuchklassikers „Alice im Wunderland“. Er gilt als Pionier der Nonsens-Literatur, dem Absurden und des Surrealismus. Aber gerade „Alice im Wunderland“ zeigt, auf welch reiche Kenntnisse aus Philosophie und Logik Carroll zurückgriff. Meines Erachtens ist „Alice im Wunderland“ für Kinder eher verstörend und beängstigend aber kein Kinderbuch. Ich sehe es eher als logisch-philosophischen Roman, der durch seine Adressierung an ein kleines Mädchen oft unterschätzt wird.

Lewis Carroll lebte im 19. Jahrhundert und verbrachte nach einem Studium der Mathematik in Oxford seine Zeit bis zum Lebensende als einfacher Lehrer. Er galt als pedantisch und strengte seinen Verleger mit unzähligen Änderungswünschen an. Von Liebschaft ist nichts bekannt und Freunde soll er kaum gehabt haben. Nur gegenüber kleinen Mädchen taute er auf und zeichnete und erzählte für sie. Carroll faszinierten Paradoxa und Rätsel und das damals neue Medium Fotografie. Carroll verfasste eine größere Zahl didaktischer Schriften zu Unterrichtszwecken. Diese Schriften bemühen sich um einen spielerischen Zugang zum Stoff. So auch sein „Spiel der Logik“, das als eine zeitlose Einführung in das logische Denken zu unrecht viel zu wenig bekannt ist. Spielerisch und mit Witz zeigt sich hier der philosophische Dichter, wie er uns durch „Alice im Wunderland“ bekennt ist.

Grundlage des in dem Buch beschriebenen Spiels bilden ein Spielbrett, vier rote und fünf graue Spielsteine, die auf dem ersten Blick an ein Mühle-Spiel erinnern. Mit diesen Spielelementen lassen sich Syllogismen nachstellen, indem Propositionen mit den Spielsteinen gelegt und Konklusionen abgelesen werden. 

Mein Kollege Heinz Kischkel, den ihr in diesem Blog schon als Gastautor kennenlerntet, findet Carrolls Buch „didaktisch äußerst miserabel gestaltet“ (H.K.). So streng möchte ich nicht sein. Das Buch wirkt zwar geeignet für das autodidaktische Lernen, ist aber im Rahmen Carrolls anderer Materialien für den Unterricht zu sehen, die ebenfalls zur Begleitung seines Unterrichts gedacht waren. Allerdings sind einige Stellen kritische hervorzuheben, die „in sich unstimmig und widersprüchlich“ (H.K.) sind. „Vermutlich ist es deshalb in Carrolls Gesamtwerk relativ unbeachtet geblieben.“ (H.K.) Einige deutliche Beispiele: Auf Seite 24 wird eine „Regel für Propositionen“ eingeführt: Sie „besagt, daß in jeder Proposition, die mit ‚einige‘ oder ‚alle‘ beginnt, die tatsächliche Existenz des ‚Subjektes‘ behauptet wird. Sage ich zum Beispiel, ‚Alle Geizhälse sind eigennützig‘, so meine ich, daß Geizhälse tatsächlich existieren.“ (Lewis Carroll, Hervorhebungen von Carroll.) Dagegen folgt auf Seite 30 nach der Proposition „Alle Drachen sind ungewöhnlich“, die Erklärung: „Erinnere dich, ich garantiere nicht dafür, daß die Prämissen Tatsachen sind. Denn … (es hat) für uns als Logiker nicht die geringste Bedeutung, ob unsere Prämissen wahr sind oder falsch: alles, was wir tun sollen, ist herauszufinden, ob sie logisch zur Konklusion führen, so daß, falls sie wahr sind, auch diese wahr ist.“ (L.C., Hervorhebungen von C.) Auf Seite 34 grenzt Carroll sich aber gerade von dieser Fraktion der Logiker ab: „Nimm zuerst ‚Einige x sind y‘. Hier verstehen wir ’sind‘ in der Bedeutung ’sind, als eine wirkliche Tatsache‚ – was natürlich beinhaltet, daß einige x-Dinge existieren. Aber jene (die Autoren dieser anderen Abhandlungen) verstehen ’sind‘ nur in der Bedeutung ‚kann sein‘, was überhaupt nicht beinhaltet, daß irgendwelche (x) existieren.“(L.C., Hervorhebungen von C.)

Eine weitere Stelle bleibt schwer nachzuvollziehen. Bereits sein erstes Beispiel für einen Syllogismus irritiert. Er hantiert hier mit „netten Kuchen“. Im englischen Original ist von „nice cakes“ die Rede. Das Original liegt mir nicht vor und für einen kleinen Blog-Beitrag erschien mir die Beschaffung nicht lohnend. Im Nachwort geht Paul Good aber darauf ein. Auch in Englisch formulierte Carroll keine beschreibende Aussage, sondern eher eine „kindliche Redewendung“ oder einen „poetischen Ausruf“. Eine andere Möglichkeit wäre „Einige frische Kuchen sind süß“ gewesen, die in der italienischen Ausgabe mit „Alcune torte fresche sono dolci.“ gewählt wurde. Laut Good wurde im Italienischen damit die subtile Poetik des Originals getilgt. Aber wo diese Poetik liegen soll, entzieht sich mir.

So kenntnis- und lehrreich sich Carroll auch zeigt, so hat er der Logik seiner Zeit nichts neues hinzugefügt. Das Umformulieren von Sätzen in Propositionen um diese mit den Steinen zu legen, ist ähnlich anspruchsvoll, wie die Umformulierung dieser Sätze in Terme, um mit diesen zu „rechnen“. Diese Umformulierung scheint mir stets das größte Problem zu sein, um Klarheit zu gewinnen. Das Spiel selbst überzeugt und ließe sich heute sicher als kleine App programmieren. Aus dem Spiel autodidaktisch Gewinn zu ziehen, ist jedoch müßig, ein Erarbeiten des Themas in Unterricht oder Seminar bleibt unerlässlich, wobei das Spiel der Logik zum Einsatz kommen kann.

Unterm Strich bleibt Carrolls Versuch Philosophie und Logik spielerisch und mit Witz zu vermitteln verdienstvoll und vorbildlich.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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