Die epikureische Philosophie zur Willensfreiheit 1/3: Determinismus

Seit Menschen sich Gedanken über sich und die Welt machen, gibt es Versuche, Macht über das Schicksal zu bekommen. Sie ersannen Vorhersagesysteme wie Orakel. Wir kennen knochenwerfende Schamanen, das Orakel von Delphi, die römischen Auguren, Astrologie und Tarotkarten. 

Diese Orakel, die uns heute als Aberglaube erscheinen, setzen voraus, dass es ein unabwendbares Schicksal tatsächlich gibt. Alles, was geschieht, ist vorherbestimmt, sei es durch die Götter oder durch physikalische Gesetze. 

Natürlich gibt es auch eine Gegenannahme, die den Zufall für eine entscheidende Kraft im Weltgeschehen hält. Besonders durch die Erkenntnisse der Quantenphysik bekommt diese Position Gewicht.

Der griechische Philosoph Epikur zeigte uns früh, wie philosophisch zentral die Frage ist, ob alles vorherbestimmt oder dem Zufall unterworfen ist. Der Sinn aller ethischer Fragestellungen und Urteile hängt davon ab. Er rückte den freien Willen ins Zentrum seiner Überlegungen.

In diesem Beitrag zeige ich die Position der Deterministen, im nächsten Beitrag kommt die Gegenposition zur Sprache und Epikur werde ich in einem dritten Beitrag zu Wort kommen lassen, der uns eine Synthese anbietet. 

Wir müssen uns häufig entscheiden. Ob wir nun rechts oder links herum gehen, welches Produkt wir kaufen oder welchen Nachtisch wir essen. Könnten wir uns auch anders entscheiden, als so, wie wir uns entscheiden? Oder stehen unsere Entscheidung bereits fest, bevor uns überhaupt bewusst ist, dass wir entscheiden müssen? 

Die Position, dass alles vorherbestimmt ist und bei Bekanntsein aller Fakten auch vorausgesagt werden könnte, nennt sich Determinismus. Die Gesetze der klassischen Physik sind ausschließlich deterministische Gesetze. Gerade in der Mechanik lässt sich ein geschlossenes System gut vorauskalkulieren. Beobachtungen mechanischer Prozesse wurden schon früh vom Menschen genutzt und in technische Problemlösungen umgesetzt. Das Hebelgesetz wird unbewusst auch schon dem Frühmenschen bekannt gewesen sein. Diese Erfolge waren es wohl, die die Vorstellung weckten, dass alles auf diese Art planbar und bereits auf irgendeine Art festgeschrieben ist. Das mechanistische Weltbild hält sich bis heute mit gutem Grund sehr hartnäckig und wird auch auf nicht-technische Bereiche übertragen. So stellt sich der physiologische Determinismus vor, dass die Handlungen von Personen durch körperliche Umstände determiniert sind. Gerade die Erfolge in der Genforschung erwecken den Eindruck, dass wir von Geburt an gewisse Anlagen haben. Bekannter ist der psychologische Determinismus, der die Auffassung vertritt, dass zumindest einige Handlungen von psychologischen Zuständen bestimmt werden. 

Das ist sicher zum Teil richtig. Es wäre zumindest denkbar, dass unsere Vorstellung vom freien Willen nur eine Illusion ist und bei Bekanntsein wirklich aller Fakten, einschließlich so banaler Einflüsse wie die Fliege, die mir die Nase kitzelt, sich unsere Handlungen auch vorhersagen lassen. Vielleicht steht alles in den Sternen oder wird von einem Gott gelenkt oder die vor unserer Handlung bestehenden Umstände bestimmten unausweichlich unser Tun.

Aber welche Folgen hätte die Position, dass alles vorherbestimmt ist und wir in Wahrheit keine Entscheidungsgewalt über unsere Handlungen haben, wenn bereits vor unserer Geburt feststand, was für eine Partei wir wählen? Ethische Fragen hätten keinen Sinn mehr. Ich bräuchte niemanden mehr zu loben oder zu tadeln, da er nichts anderes tun konnte als das, was er tat. Oder sollten wir doch bestrafen, um wiederum andere Personen in ihren Handlungen zu determinieren?

Wenn der Determinismus wahr ist, entstehen also eine Menge Probleme.

 

Literatur:

Hey, Tony / Walters, Patrick: Das Quantenuniversum. Heidelberg 1998.

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Stuttgart 1990.

Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Georgi Schischkoff. Stuttgart 1991.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

3 Gedanken zu „Die epikureische Philosophie zur Willensfreiheit 1/3: Determinismus

  1. Advocatus Diaboli meint (in Wittgensteinscher Manier):
    0. Das stärkste Argument für den Determinismus bringen die Neurowissenschaften.
    1. Die menschliche Willensfreiheit, wenn es sie gäbe, wäre natürlich an das menschliche Denken und dieses bekanntlich ans Gehirn gebunden.
    1.1 Ohne Gehirn kann man nicht denken, ohne Denken gibt es kein Wollen.
    2. Da wir nur mit dem Gehirn denken können, muss das Denken determiniert sein.
    2.1 Jedem Bewusstseinsakt muss eine bestimmte neuronale Aktivität entsprechen.
    2.2 Diese Aktivität unterliegt als biologisch-physikalische naturwissenschaftlichen Gesetzen, die u.a. durch das Kausalitätsprinzip determiniert sind.
    2.3 Daher müssen im Umkehrschluss auch die den neuronalen Aktivitäten zuzuordnenden Gedanken denselben naturwissenschaftlichen Gesetzen analog gehorchen, folglich determiniert sein.
    2.3.1 Andernfalls müssten die immateriellen Gedanken in der Lage sein, physikalische Wirkungen in den Neuronen zu erzeugen.
    3. Dem entkommt man auch nicht durch die Quantentheorie, weil Quantensprünge zufällig (stochastisch) sind.
    3.1 Demnach wären die Gedanken zwar nicht streng determiniert, sondern mit einem Zufallsfaktor versehen. Da der Zufall aber nicht steuerbar ist, entsteht dadurch auch keine Möglichkeit für eine Willensfreiheit.
    Q.e.d.

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