Die epikureische Philosophie zur Willensfreiheit 2/3: Indeterminismus

In diesem zweiten von drei Beiträgen zur Willensfreiheit in der epikureischen Philosophie zeige ich die Gegenposition zum im ersten Beitrag referierten Determinismus: dem Indeterminismus. Diese vertritt die Vorstellung, dass etwas zufällig und ohne Ursache da ist. Dazu stelle ich die Analyse der Kausalität von David Hume dar. Von Immanuel Kant erhielt er dafür die Anerkennung, dass er es war, der „…zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach…“ (Kant, Prolegomena, S. 6)

Wenn wir Ereignisse in der Welt beobachten, so wissen wir von der Ursache dieser Phänomene. Hume fragte, woher wir dieses Wissen haben. Dabei bezweifelte er, dass es alleine durch rationale Überlegungen entstehen konnte. Von einem bisher völlig unbekanntem Phänomen kennen wir nicht die Ursache, bis wir sie bei wiederholtem Auftreten des Phänomens beobachten und damit in Verbindung bringen. In seinem berühmten Beispiel vom Billardspiel (vgl. Hume, Untersuchung, S. 40) wissen wir von der Reaktion einer Kugel, wenn sie durch eine andere Kugel angestoßen wird, nur durch Beobachtung. Die Reaktion einer Kugel auf die Kollision lässt sich nicht vorhersagen, wenn wir nur einen einzigen Fall kennen. Erst die Beobachtung einer Reihe von Kollisionen legt eine Verbindung zwischen der Kollision und der folgenden Bewegung der Kugel nahe. Eine andere oder gar gegenteilige Folge des Ereignisses ist dabei aber immer noch widerspruchsfrei denkbar.

Hume sprach damit ein Problem an, das später als das Induktionsproblem in der Logik bekannt wurde. Die Induktion ist im Gegensatz zur Deduktion ein Schluss vom Einzelfall aufs Allgemeine. Das Allgemeine ist also nur eine Hypothese und nicht logisch notwendig, sondern nur wahrscheinlich. Die Kenntnis der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung stammt demnach allein aus der Erfahrung und ist streng genommen unbegründet.

„Ich wage es als einen allgemeinen und ausnahmelosen Satz hinzustellen, daß die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle durch Denkakte a priori gewonnen wird; sondern daß sie ganz und gar aus der Erfahrung stammt, indem wir finden, daß gewisse Gegenstände beständig in Zusammenhang stehen.“ (Hume, Untersuchung, S. 37) Hume glaubt nicht, dass wir mit Denkakten a priori einen Grund finden, warum wir die beobachteten Folgen gegenüber den anderen widerspruchsfrei denkbaren Folgen einer Ursache bevorzugen sollten. 

Andere Reaktionen als die bisher beobachteten bleiben beim nächsten gleich gearteten Ereignis also denkbar, weshalb Hume schloss, dass jede Wirkung „ein von ihrer Ursache verschiedenes Ereignis“ (Hume, Untersuchung, S. 40) ist. 

Diese Auffassung könnte uns auch einen Ansatz liefern, um die Entstehung der im ersten Beitrag dieser Reihe erwähnten Orakel zu erklären. Die Menschen beobachteten Ereignisse und setzten sie mit anderen Ereignissen in Beziehung. Vielleicht hat ein Schamane zweimal hintereinander durch Zufall die gleiche Knochenkonstellation geworfen und beide Male gab es zufälligerweise kurz darauf ein Unglück. Diese Konstellation war von nun an mit einer Bedeutung behaftet. Dies entspricht auch Epikurs Auffassung, dass Meinungen dadurch entstehen, indem wir subjektiv etwas zu den Sinneswahrnehmungen hinzutun. Wenn wir eine Sinneswahrnehmung verwerfen oder Meinungen ein gleiches Gewicht geben wie einer Sinneswahrnehmung, so besteht die Gefahr, jedes Kriterium zu verlieren, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. (vgl. Epikur, RS 24. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 101)

Allein die Sinnesorgane zeigen uns keine Verbindung zwischen zwei Ereignissen, die anscheinend aufeinander folgen. 

Epikur begründet die Existenz des Zufalls mit einem Aspekt seiner Atomtheorie. Damit hebt er sich deutlich von Demokrits Atomtheorie ab, die noch von einem deterministischen Weltmodel ausging. Und auch die moderne Quantentheorie kommt ohne Ereignisse, die nicht verursacht sind, nicht aus. Aber auch im für Menschen wahrnehmbaren Teil der Welt kennen wir etwas, was uns als Zufall erscheint. Zum Beispiel statistische Aussagen über den Verlauf von Glücksspielen: Wenn ich 600 mal würfele, kann ich davon ausgehen, dass ich annähernd 100 mal eine Drei würfele. Das Ergebnis eines einzelnen Würfelwurfs scheint aber völlig unbestimmt. Auch in der Soziologie kann über eine Menschenmasse ziemlich genau eine Reaktion vorhergesagt werden. Der Einzelne ist aber oft unberechenbar.

Wir sehen an diesen Beispielen, dass es Bereiche gibt, in denen der Determinismus nicht zu gelten scheint. Was hätte das für Folgen für ethisches Urteilen? Bin ich für meine Taten verantwortlich, wenn sie zufällig geschehen? Offenbar bin ich in eine Sackgasse geraten. Ich bin nicht verantwortlich, wenn der Determinismus wahr ist, da mein Handeln vorherbestimmt ist, und ich bin nicht verantwortlich, wenn meine Handlungen zufällig geschehen. Das erscheint kurios, denn „Es gibt einen Unterschied zwischen einem Geschehen, das sich ohne jede Ursache einfach bloß ereignet, und einer Tat, die ohne jede Ursache einfach getan wird.“ (Nagel, Was bedeutet das alles? S. 48) Im nächsten und letzten Beitrag dieser Reihe komme ich dann endlich auf Epikurs Standpunkt zu sprechen.

Literatur:

Long, A. A. / Sedley, D. N.: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Stuttgart 2000.

David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Ins Deutsche übersetzt von Raoul Richter. Hamburg 121993.

Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Hamburg 71993.

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Stuttgart 1990.

Hey, Tony / Walters, Patrick: Das Quantenuniversum. Heidelberg 1998.

 

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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