Epikur – eine kleine Einführung

Einer meiner Lieblings-Philosophen wurde schon vor… ja, Jahrzehnten… Epikur. Natürlich sollen wir, wenn wir anspruchsvoll bleiben wollen, keinem einzelnen Denker dienen. Ich stimme ihm auch nicht eins zu eins zu. Wenn ich in späteren Artikeln in diesem Blog auf Epikurs Positionen zurückkomme, wird das sicher deutlich.

Ob Epikur mein philosophisches Interesse geweckt hat, oder nur einer von mehreren Bausteinen war, weiß ich heute nicht mehr. Seine Briefe, Sprüche und Werkfragmente begegneten mir bereits als Teenager. Ich wurde in diesen Jahren sehr von Neurodermitis und Allergien geplagt. Inzwischen hat sich beides weitestgehend rausgewachsen, aber sie brachten mir prägende Erfahrungen. Überlegungen, was zu meiden und zu wählen war, stellte ich regelmäßig an. Epikurs Lehre, Lust und Schmerz als Maßstab zu sehen, was zu wählen und zu meiden war und auch Schmerz und Mühen in Kauf zu nehmen für spätere Schmerzfreiheit, fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Das Freisein von Schmerz bereits als die größte Lust anzusehen, und alles weitere nur als Variationen davon, war tröstlich, gehörte aber zu den Punkten, die Jahrhundertelang an seiner Philosophie nur von wenigen verstanden wurden.

Epikur galt lange als zügelloser Freigeist und atheistischer Bildungsfeind. Dieses Vorurteil ist mit verantwortlich, dass nur kümmerliche Reste eines mutmaßlich umfangreichen Werks uns bis heute erhalten geblieben sind. Die mittelalterlichen Mönche kopierten Epikurs Werk seltener als Aristoteles’ Schriften oder die anderer antiker Autoren. Aber auch schon zu Lebzeiten wurde er angefeindet. Ihm wurden beispielsweise wollüstige Briefe untergeschoben, um ihn zu diskreditieren.

Sein Werk und seine Bedeutung müssen jedoch im Hellenismus groß gewesen sein. Diogenes Laertius widmete ihm in seinem Werk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ ein ganzes Buch von insgesamt zehn Büchern. Nur Platon bekam vergleichbar viel Raum; Sokrates und Aristoteles gehen neben vielen anderen großen Namen fast unter. Diogenes Laertius’ Werk ist unsere einzige vollständig erhaltene Philosophiegeschichte aus dem Altertum. Über ihn selbst ist nichts bekannt und seine Lebensdaten werden auf das 2./3. Jahrhundert nach Christus nur geschätzt. Er lebte 500 bis 600 Jahre nach Epikur.

Die wenigen Fragmente und die Schriften der Rezipienten Epikurs – wie den römischen Dichter Lukrez – liefern uns heute dennoch ein gutes Bild seiner Philosophie.

Epikur gründete 306 vor Christus seine Philosophenschule in Athen. Er und seine Anhänger wurden in hellenistischer Zeit auch die Philosophen vom Garten genannt, weil der auf Samos geborene Philosoph seine Schule in einem Garten abhielt. Ziel seines Philosophierens ist die gute Lebensgestaltung und das Freisein von jeglicher Unlust wie Ängsten. Seine Physik, Kosmologie und Epistemologie sind dabei nur Mittel zum Zweck und niemals Selbstzweck. Bildung um ihrer selbst willen betrachtet Epikur mit Misstrauen. Auch in hellenistischer Zeit gab es ein Curriculum, das festlegte, was eine gute Bildung ausmachte, wie Rhetorik, Literatur, Musik und Mathematik. Epikur sieht in diesen Wissenschaften Scheinwissenschaften, die mehr eine Sache der Angeberei sind als der Erkenntnis. Er stellt der „Bildung“ die Philosophie gegenüber, die die Erkenntnisse liefert, die wir für eine gute Lebensführung brauchen (vgl. Anmerkungen zu 25. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 182).

Epikur betont dieses Ziel in seinen Lehrbriefen: „Erstens also sollten wir nicht denken, daß das Wissen um die Himmelserscheinungen […] irgendeinem anderen Ziel diene als der Unerschütterlichkeit…“ (Epikur, Brief an Pythokles 85 – 88. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 106. Vgl. auch Epikur, Philosophie der Freude, S. 54). Und für alle anderen Philosophen gibt er eine Warnung: „Durch Zweifelsucht kann unser ganzes Dasein zerstört und für immer zum Trümmerhaufen werden.“ (Epikur, Philosophie der Freude, S. 71) So gestaltet er seine Philosophie dahingehend, dass sie uns zu einem guten Leben verhilft und uns von Ängsten befreit, die durch Aberglaube und Religion ausgelöst wurden.

Wir können Epikur heute als einen der ersten Empiriker bezeichnen. Erkenntnisquelle sind in erster Linie die Sinnesorgane. Eine zentrale Stellung nimmt seine von Demokrit übernommene und modifizierte Atomtheorie ein. Ich werde in einem späteren Beitrag im Zusammenhang mit seiner Position zum Determinismus darauf zurückkommen. Als Teenager staunte ich, wie sehr Epikurs Naturphilosophie ihrer Zeit voraus war. Das halte ich heute jedoch für einen Fehlschluss. Es gab im Altertum zahllose Mutmaßungen über die Beschaffenheit der Welt, die miteinander konkurrierten. Niemand konnte wirklich objektiv sagen, welche am ehesten zutraf. Aus heutiger Sicht sehe ich seine Annäherungen an heutige naturwissenschaftliche Erkenntnisse als zufällig zutreffende Mutmaßungen.

Literaturhinweise:

Epikur: Philosophie der Freude. Insel 1988

Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Meiner 1998

Long, A. A. / Sedley, D. N.: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Metzler 2000

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

2 Gedanken zu „Epikur – eine kleine Einführung

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