Epikur und die Willensfreiheit 3/3

Zwischen den beiden extremen Positionen, die ich in meinem letzten und vorletztem Blog-Beitrag zum Thema Willensfreiheit dargestellt habe, gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Vieles geschieht als Folge einer Kette von Ereignissen, anderes geschieht ohne Ursache, aber unsere Handlungen können keinem der beiden Möglichkeiten zugerechnet werden. Wir haben eine Vorstellung vom freien Willen, und ich gehe davon aus, dass dies keine Illusion ist. Epikur würde von einem Vorbegriff sprechen, den wir von unserem eigenen Handeln haben. Seinen Beitrag zum Thema Willensfreiheit referiere ich in diesem Blog-Artikel.

Das Wahrheitskriterium „Vorbegriffe“

Sowohl die Vorstellung, dass wir in unserem Handeln determiniert sind, als auch, dass wir zufälligen Geschehnissen ausgeliefert sind, erzeugt eine gewisse Beunruhigung. Dies läuft aber den Zielen der epikureischen Philosophie entgegen. Ziel Epikurs ist es, einen gleichförmigen ruhigen Zustand der Seele herbeizuführen. Daher argumentiert Epikur für eine dritte Möglichkeit, welcher Grund sich für ein Ereignis angeben lässt. Es gibt sowohl notwendige Ereignisse, Zufälle als auch Handlungen, die in unserer Macht stehen. 

Epikur appelliert dazu an den Vorbegriff, den wir von der Willensfreiheit einer Person haben. Vorbegriffe sind eines der Wahrheitskriterien in Epikurs Erkenntnistheorie. (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 101f.) Epikur empfiehlt, Worte auf die Dinge zurückzuführen, die den Worten zugrunde liegen. Wenn wir ein Wort hören oder lesen, können wir uns davon einen Begriff machen. Dies ist durchaus im modernen Sinne zu verstehen, nach der deutlich das Zeichen vom Bezeichneten unterschieden wird. Wir haben eine Idee im Kopf, wenn wir ein Wort hören, die aber nicht das Wort ist. Diese Idee ist aber nicht im platonischen Sinne zu verstehen. Epikureische Vorbegriffe haben ihren Ursprung in den Sinnesorganen, und ohne diese Vorbegriffe können keine weiteren Untersuchungen angestellt werden.  

Wir alle teilen einen Vorbegriff vom freien Handeln, ob wir nun Deterministen sind oder nicht. Wenn es dem Determinist nicht gelingt nachzuweisen, dass wir hier alle einem Irrtum verfallen sind, so muss der Vorbegriff gültig bleiben. Nach Epikur wäre das also ein Kriterium für die Wahrheit der Willensfreiheit. 

Epikurs Atomtheorie

Ein weiteres Argument für die Existenz der Freiheit findet sich sowohl in Epikurs Atomtheorie als auch in der modernen Quantentheorie. 

Die kleinsten unteilbaren Teilchen bewegen sich in Demokrits Atomtheorie gleichförmig auf parallelen Bahnen nach unten. Wenn sie sich ausschließlich so bewegen würden, könnte es niemals Zusammenballungen geben, die die Gestirne und andere Gegenstände bilden. Das erkannte Epikur und entwickelte die Demokrit’sche Theorie weiter. Zusammenballungen müssen existieren, sonst gäbe es keine sicht- und greifbare Materie. Die Welten, und auch wir als Beobachter, würden nicht existieren. Damit sich Zusammenballungen bilden, müssen hin und wieder Teilchen ihre parallele Bahn verlassen und mit anderen zusammenstoßen, die dann wieder andere Atome anstoßen. Dies ereignet sich offenbar ohne Ursache (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 29 – 60). Hier beschrieb Epikur vor fast 2.300 Jahren Zusammenhänge, die eine interessante Ähnlichkeit mit heutigen Erkenntnissen der Quantenphysik haben. Die Bewegung der kleinsten Teilchen ist nicht ausschließlich den Gesetzen der klassischen Mechanik unterworfen. Selbst wenn für eine Summe von Teilchen Masse, Geschwindigkeit und Vektor ihrer Bewegung vollständig bekannt wären, so könnte ihre weitere Bewegung nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden (vgl. Hey & Walters, Das Quantenuniversum. S. 33ff.). So ist auch die Halbwertzeit der radioaktiven Elemente nur ein statistischer Wert. Wie lange es dauert, bis die Hälfte der Atome einer bestimmten Masse zerfällt, ist bekannt. Wenn allerdings das einzelne Atom betrachtet wird, so lässt sich nicht vorhersagen, wann es zerfällt.

Epikurs Atomtheorie baut auf Demokrits Entwurf auf, unterscheidet sich aber klar von Demokrits deterministischer Welterklärung. Epikur braucht die Bahnabweichungen, um zu erklären, wie es zur Zusammenballung der Atome kommt. Hat er sie erst einmal in seinem Weltmodell eingeführt, fällt es leicht, sie auch auf andere Bereiche wie das Handeln von Personen zu übertragen.

Von externen und internen Ursachen

Vielen leuchtete die ursachenlose Bahnabweichung nicht ein (vgl. Cicero, De fato 21 – 25. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 122). Stärker als die Einführung einer ursachenlosen Bahnabweichung ist die direkte Verteidigung eines freien Willens. Wenn wir sagen, wir wollen etwas ohne Ursache, dann meinen wir eigentlich, wir wollen etwas ohne äußere Ursache. Sicher gibt es für unseren Willen aber eine innere Ursache. Übertragen auf die atomare Ebene soll das bedeuten, dass kein Atom für seine Bahnabweichung ein anderes Atom benötigt, was es anstößt. Die Ursache für seine Abweichung liegt in ihm selbst. Es gehört einfach zu den Eigenschaften eines Atoms, hin und wieder abzuweichen. Übertragen auf handelnde Personen: Der freie Wille ist eine Eigenschaft des Menschen, er tut etwas ohne äußere Ursache.

Ob die Ursache nun außen oder innen liegt, Karneades spricht laut Cicero (s. ebd. S. 123) immer noch von einer Verursachung. Hier sieht es so aus, als wären wir immer noch einem Ursache-Wirkungs-Prinzip verhaftet, als wäre alles vorherbestimmt und das Ergebnis einer Kette von Ereignissen. 

Vielleicht handelt es sich hier nur um eine Sprachverwirrung und wir sollten lieber von Gründen sprechen, die ich für den Willen zu einer Handlung habe. Ob diese Gründe für mich dann ausreichen, tatsächlich die Handlung auszuführen, entscheide ich aber selbst. Also: Wir handeln mit Gründen, sind aber nicht determiniert.

Die Selbstwiderlegung der Deterministen

Epikur legt noch ein weiteres sehr starkes Argument gegen den Determinismus vor. Er wirft den Deterministen vor, sich selbst zu widerlegen, indem ihr Handeln ihren Thesen widerspricht. 

Epikur brachte diesen Widerspruch folgendermaßen auf den Punkt: „Wer erklärt, alles geschehe aufgrund von Notwendigkeit, hat keinen Grund, demjenigen Vorhaltungen zu machen, der erklärt, es geschehe nicht alles aufgrund von Notwendigkeit; denn wie er sagt, geschieht eben das aufgrund von Notwendigkeit.“ (Epikur, Sent. Vat. 40. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 121)

Ähnlich wie bei der bereits erwähnten Sinnlosigkeit jeglichen Lobens und Tadelns wäre auch das Tadeln des Bestreiten des Determinismus für den Deterministen aus Notwendigkeit geschehen. Dass der Determinist aber trotzdem fortfährt, dem Gegner vorzuwerfen zu irren, ist selbstwidersprüchlich. Dem Skeptizismus warf Epikur bereits auf ähnliche Weise Inkonsistenz vor (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 94).

Der Determinist kann darauf erwidern, dass sein Eintreten für seinen Determinismus natürlich determiniert ist und er gar nicht anders handeln kann. Von seinem Gegner kann auch auf dieser neuen Ebene der Vorwurf, sich selbst zu widersprechen, wiederholt werden, worauf der Determinist seine Verteidigung, gezwungen zu sein zu tadeln, ebenfalls wieder vortragen kann – bis ins Unendliche. Epikur hält diesen unendlichen Regress nicht für einen Fehler, nur ändert sich auf keiner Ebene des Regresses etwas an dem Vorwurf des Selbstwiderspruchs (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 126).

Folgen für die Aussagenlogik

Einen weiteren Aspekt in der Frage nach der Willensfreiheit liefert die klassische Logik. Wie Cicero erläutert, hat Chrysipp viel Kraft darauf verwandt zu zeigen, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 122 und S. 125). Daraus schließt Chrysipp, dass für eine Aussage über ein Ereignis für alle Ewigkeit bereits sein Wahrheitswert feststeht und somit das Ereignis vorherbestimmt ist. Jede Disjunktion (Oder-Verknüpfung) wie Ciceros Beispiel Hermarchus lebt morgen oder er lebt morgen nicht kann im übertragenen Sinne zu einem Beweis für den Determinismus gemacht werden. Die bekannte Wahrheitstafel der Disjunktion zeigt uns, dass eine Oder-Verknüpfung genau dann wahr ist, wenn mindestens ein Teilsatz der Aussage wahr ist. Für obiges Beispiel lässt sich also sagen, dass eine Teilaussage also in jedem Fall determiniert ist. (Nun würde das bei diesem Beispiel auch jedem einleuchten.) 

Diese Festlegung in der klassischen Logik gefährdet nun aber Epikurs Standpunkt. Seine Auffassung ist es daher, dass eine Aussage über die Zukunft keinen Wahrheitswert haben kann. Oder aber, dass aus gegensätzlichen Aussagen gebildete Disjunktionen wahr sind, aber keine der Teilaussagen wahr ist. 

Gerade letzteres ist aber nach Cicero eine Ungeheuerlichkeit (vgl. Cicero, De fato 37. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 125).

Kommen wir daher zurück zum Lösungsvorschlag Epikurs, nach der Sätze über die Zukunft grundsätzlich keinen Wahrheitswert haben. Diese Lösung würde natürlich dem Grundprinzip der zweiwertigen Logik widersprechen, wurde aber im Problemkreis der semantischen Antinomien ebenfalls angewendet, um an sich unauflösbare Paradoxien zu vermeiden. Es gibt zweifelsohne Sätze, die keine Aussagen sind. Zum Beispiel Fragen, die natürlich keinen Wahrheitswert haben. Jetzt kommt es darauf an, wie ich „Aussagen“ definiere, aber die Logik ist ohne solche Festlegungen nicht möglich. 

Was Aussagen über die Zukunft angeht, machen sie schon alleine dadurch keinen Sinn, da ich ihren Wahrheitswert nicht überprüfen kann. Können wir also festlegen, dass Sätze über die Zukunft in keinem Fall Aussagen mit möglichem Wahrheitswert sind?

Ergebnis

Häufig sieht es bei der Frage nach der Existenz des freien Willens so aus, als wäre alles determiniert. Die Argumente der Gegner Epikurs wiegen schwer. Wenn wir zwischen externen Ursachen und internen Ursachen unterscheiden, haben wir noch das Problem, dass es stets eine Ursache für ein Ereignis gibt. Und die Erwiderung des Deterministen auf Epikurs Vorwurf, sich selbst zu widersprechen, führt zu der Behauptung, dass auch dieser Selbstwiderspruch vorherbestimmt sein könnte. Hier macht die epikureische Philosophie jedoch deutlich, dass die Gegner des freien Willens sich des unendlichen Regresses schuldig machen. 

Das Ziel epikureischer Philosophie ist auch in Bezug auf die Willensfreiheit erreicht. Die Vorstellung, dem Schicksal oder einer anderen vorbestimmenden Macht ausgeliefert zu sein, macht den Menschen Angst. Die krasse Gegenposition zu glauben, dass alles zufällig geschieht, hilft den Menschen auch nicht weiter. Nicht nur der Sinn jeglichen ethischen Urteils wird hinfällig, auch ein Leben frei von Ängsten wird nicht möglich sein. 

Der Epikureer hat aber das Ziel, ein Leben frei von Ängsten zu führen. Epikur und seine Rezipienten lieferten schon zu hellenistischer Zeit gewichtige Argumente, dass ein freier Wille existiert. Natürlich sind viele Ereignisse vorherbestimmt, vieles geschieht auch zufällig, aber alles andere hat der Mensch in der Hand und kann selbst über sein Schicksal bestimmen. 

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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