Gute Gründe seine Social Media Accounts zu löschen?

Jaron Laniers jüngstes Buch alarmiert mit dem Titel Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst. Als Buchhändler und Social Media Manager einer kleinen unabhängigen Buchhandlung sehe ich das Buch als Pflichtlektüre.

Jaron Lanier erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung hieß es, er habe die Risiken, die die Digitalisierung für die freie Lebensgestaltung des Menschen berge, erkannt. Sein damals aktuelles Buch Wem gehört die Zukunft sei ein Appell, „wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein“. Diese Warnung kommt nicht etwa aus den Reihen der üblich verdächtigen Kulturpessimisten, sondern von einem der Vordenker des Internets und wiegt meines Erachtens daher schwer.

Kritik

Ich beginne gleich mit einer Kritik an seinem Buch Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, da diese begründet, weshalb ich mich in meiner Rezension nicht an seinen Zehn Gründen entlanghangeln werde. Der Titel täuscht uns eine Struktur vor, die Laniers Argumentation nicht hat. Vieles fliegt wild durcheinander. Besonders das zehnte (und letzte) Kapitel, in dem er spirituelle und philosophische Aspekte unterzubringen versucht, erscheint mir als Ablageplatz aller bisher nicht untergebrachten Notizen zu diesem Buchprojekt. Oder er oder sein Verlagsmarketing gingen bei der Titelwahl selbst einem der kritisierten Phänomene auf dem Leim. Beiträge mit einer solchen Aufzählungsstruktur im Titel zählen zu den erfolgreichsten und meistgelesenen Titeln im Internet. Ich habe den Eindruck, der Buchtitel wurde auf Verkäuflichkeit getrimmt. Oder der Buchtitel ist ironisch gemeint. Dieser Witz wäre aber nicht allgemeinverständlich.

Laniers Sorgen

Lanier verdammt nicht das Internet oder Smartphones (obwohl sich zu diesen auch noch mehr sagen ließe) sondern Soziale Medien in ihrer jetzigen Erscheinungsform. Wobei er die wichtigsten benennt: Facebook und Google.

Ja, auch Google als reine Suchmaschine ist problematisch, da die Suchergebnisse auf jeden Nutzer individuell zugeschnitten sind. Wir sehen nicht das beste Ergebnis, sondern das wovon Google glaubt, dass es das für uns passende ist. Ausgewertet aus Daten die Google von uns hat, wie unseren Aufenthaltsort und unser vorangegangenes Verhalten. Bei Facebook und vergleichbaren Sozialen Medien sind es die Timeline oder der Newsfeed, die auf uns zugeschnitten sind. Niemand sieht was der andere sieht, alles wird auf unser vorangegangenes Verhalten abgestimmt. Nun sagen Facebook und Co., sie tuen das im Interesse der Nutzer, um ihnen das beste Erlebnis zu garantieren. Ein Beigeschmack kommt jedoch hinzu, wenn wir das Geschäftsmodell dieser Unternehmen weiter unten näher betrachten. Lanier befürchtet, dass wir durch die Individualisierung verlernen, uns in andere Menschen einzufühlen.

Soziale Medien in ihrer jetzigen vorherrschenden Erscheinungsform brachten einige unschöne Phänomene hervor, wie Fake Accounts, Fake News, Hetze und Hass. Dies schwappe bereits in die reale Welt und setzte eine gesellschaftliche und politische Abwärtsspirale in Gang. Soziale Medien wecken den Troll in uns, was Lanier als Arschloch-Verhalten bezeichnet. Er benutz tatsächlich polemisch diese „Erwachsenensprache“, was mein zweiter Kritikpunkt ist.

BUMMER – Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent

Am stärksten wiegt aus meiner Sicht Laniers Deutung Sozialer Medien als Verhaltensmodifikationsmaschinen. Sein erstes Kapitel setzt einiges voraus; aber wer schon etwas über den Behaviorismus weiß, die Namen einiger bekannter Psychologen und Experimente gehört hat, kann gut nachvollziehen was gemeint ist. Der Newsfeed insbesondere Facebooks ist darauf angelegt, unseren freien Willen zu untergraben. Unser Verhalten wird beobachtet, ausgewertet und uns werden passend dazu individualisierte Inhalte vorgelegt. Es ist schon etwas anderes, Werbung im Straßenbild oder über den Rundfunk wahrzunehmen, als auf uns persönlich passend zugeschnitten zu bekommen. Wir können morgen Entscheidungen fällen und fest glauben, das es unsere eigenen sind und können trotzdem Opfer von Manipulationen sein. Diese Techniken zur Verhaltensmanipulation sieht Lanier zum Beispiel im Facebook-Algorithmus umgesetzt.

Der Kern des Problems

Als Nutzer zahlen wir kein Geld für die Teilnahme an sozialen Netzwerken. Diese müssen Kunden finden, die bereit sind, Geld dafür zu bezahlen, uns zu bewerben. Nur so kann der ganze gewaltige Aufwand an technischer Infrastruktur bezahlt werden. Dies ist als Geschäftsmodell keine neue Erfindung. Jede Woche haben viele von uns eine werbefinanzierte Lokalzeitung im Briefkasten. Wenn die Inhalte in Social Media, wozu die Werbung gehört, auf uns zugeschnitten angezeigt werden, bekommt dieses Modell eine neue Qualität, da auf uns zugeschnittene Werbung eher geeignet ist, einen Kaufimpuls auszulösen oder uns veranlasst für eine bestimmte Partei zu stimmen, als blind gestreute Werbung. Was die Werbetreibenden — die Lanier Manipulatoren nennt — toll finden mögen, ist geeignet unsere individuelle Freiheit, unseren gesellschaftliche Zusammenhalt und den politischen Frieden zu gefährden.

Den größten Teil des Buches schrieb Lanier vor Bekanntwerden des Skandals um „Cambridge Analytica“. Nun sieht es so aus, dass tatsächlich eine riesige Anzahl von Nutzerdaten verkauft und zur Manipulation mindestens einer politischen Wahl verwandt wurde. 

Fazit

Wir haben ein Problem. Das können wir nicht einfach beiseite wischen und relativieren. Jedoch unterschlägt Jaron Lanier, dass Manipulation auf fruchtbaren Boden treffen muss. Der jetzige chaotischer Zustand der Welt und der Rechtsruck in vielen Ländern lässt sich zu wesentlichen Aspekten noch auf die fatalen Folgen der Spekulation mit Immobilienschulden und der dadurch ausgelösten Mehrfach-Krise zurückführen. Von den Ereignissen im Jahr 2008 lassen sich direkte Spuren ziehen zum Arabischen Frühling und der hohen Jugendarbeitslosigkeit vieler Länder. Was in den Medien unterging, ist die Versteppung Syriens die bereits vor dem Krieg viele Landwirte in die Pleite trieb. Der Einfluss des Klimawandels auf unsere heutige Misere wird noch weit unterschätzt. Aber gerade in solchen Lagen finden sich schnell Interessensgruppen die das durch Propaganda für sich auszunutzen wissen. Und mit Sozialen Medien in seiner heutigen Form steht ihnen ein mächtigeres Werkzeug als je zuvor zur Verfügung. Social Media wird nicht die gesamte Menschheit korrumpieren: Gerade in Deutschland informiert sich die Mehrheit noch aus unterschiedlichen Quellen und es gibt klügere Nutzungsweisen für  Soziale Medien, als einfach nur seinen Newsfeed durchzuscrollen. Aber es hat derzeit den Anschein, dass Facebook bei der US-Wahl das Zünglein an der Waage darstellte, dass zu einem für die ganze Welt folgenreichen Wahlergebnis führte. Gerade in den USA gibt es nur noch wenig unabhängigen kritischen Journalismus. Dieser Trend begann jedoch schon viel früher durch das Privatfernsehen.

Ob ein Abmelden von alle sozialen Medien nun der Königsweg ist, bezweifle ich. Zuviel sinnvolles wird inzwischen darüber von vielen Menschen organisiert, nicht zuletzt hängen davon viele Arbeitsplätze ab. Häufig jedoch prekäre, was Lanier ebenfalls erwähnt. Lanier sieht aber selbst keine große Abmeldewelle durch die jüngsten Skandale und seine Alarmierung sich entwickeln. 

Aber wir sind alle aufgefordert, wachsam zu sein und uns aus verschiedenen Quellen zu informieren. Wir müssen uns mit dem Filterblasen-Begriff befassen und immer kritisch bleiben, gegenüber dem, was wir zu wissen glauben. Soziale Medien mit einem anderen Geschäftsmodell sollten wir willkommen heißen. Ob es nun ein öffentlich-rechtliches Netz ist, wie es kürzlich eine Bochumer Forscherin im Deutschlandfunk Kultur vorschlug, oder spendenfinanziert, wie Wikipedia, sollte diskutiert werden.

Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst ist ein mäßig gut gemachtes Buch. Aber mit einem wichtigen Thema, das uns alarmieren sollte.

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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