Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie

Über dieses Buch schreibe ich die erste reine Rezension über eine aktuelle Neuerscheinung für dieses Blog, das nicht als reines Buchblog gedacht war. Herr Maschine bot sich einfach an. Es ist die Biografie eines Außenseiters, dessen Gedanken in demokrit’scher oder epikureischer Tradition gesehen werden. Als ich das Buch entdeckte, war ich sofort begeistert und wurde nicht enttäuscht.

Bernd Schuchter schrieb ein kleines spannendes Buch und meine einzige Kritik gilt dem Schutzumschlag. Dieser ist dem Braumüller-Verlag nicht gelungen. Der Hintergrund ist eine Leinenimitation, vor der der Klappentext nicht leicht zu lesen ist. Mein Foto zeigt daher das Buch ohne Schutzumschlag, wie ich es viel schöner finde.

Herr Maschine wurde Julien Offray de La Mettrie genannt und erlebte als Arzt und Philosoph die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Er wurde berühmt und berüchtigt durch seinen Materialismus, mit dem er nicht nur bei seinen Ärztekollegen aneckte, sondern sich auch die Philosophen der französischen Frühaufklärung zum Feind machte. Er war viel konsequenter als diese, die vorsichtiger formulierten um es sich nicht mit den Herrschenden zu verscherzen.

Das wunderliche Leben La Mettries

Julien Offray de La Mettrie stammte aus dem bretonischen St. Melo. Nach seinem Medizinstudium in Paris praktizierte er in seiner Heimat zunächst als Arzt. Zu dieser Zeit stand sein Denken noch im Dienst seiner Patienten. Er erkannte die Bedeutung der Hygiene und der Selbstheilungskräfte des Körpers. La Mettrie zufolge nutzen den Kranken Gebete und gelehrte Gespräche über ihr Leiden wenig. Mit seinen atheistischen und materialistischen Thesen war er radikal, viel zu radikal für die Autoritäten in der medizinischen und theologischen Fakultät, die ihm diese Majestätsbeleidigungen nie verziehen. Er war als Feldarzt im Krieg, während sein Ansehen in Paris massiv sank. Nach einigen Jahren in Leyden, erhielt er schließlich Asyl in Potsdam bei Friedrich II. Der Alte Fritz gab sich als aufgeklärter Monarch und schmückte sich mit den Geistesgrößen seiner Zeit. In den letzten Jahren vor seinem außergewöhnlichen, frühen Tod lebte La Mettrie am Hof Friedrich II. Er starb durch den Genuss einer Trüffelpastete.

Das wunderliche Sterben La Mettries

Im Alter von gerade mal 42 Jahren verstarb der Hofnarr Friedrichs des Großen ausgerechnet am 11. 11.  am übermäßigen Verzehr von Trüffelpastete. Nach einer Phase der Übelkeit verlangte La Mettrie mehrmals zur Ader gelassen zu werden. Von dieser Methode war er als Arzt sehr überzeugt, sie schwächte ihn allerdings so sehr, dass er verstarb. Das klingt lächerlich und ist entweder gut ausgedacht oder er wurde von einem seiner zahlreichen Gegner vergiftet.

La Mettrie war seiner Zeit voraus

Bei Descartes waren Tiere seelenlose Maschinen, die Menschen behielten aber noch ihren göttlichen Funken. La Mettrie sah zwischen Tieren und Menschen nur noch graduelle Unterschiede. Seine materialistische Philosophie und weshalb er bei seinen Zeitgenossen aneckte, lässt sich sehr gut mit folgendem Zitat zeigen: „Er [Descartes] hat bei den Tieren keine Seele gebraucht, um zu erklären, weshalb sie sich bewegen, weshalb sie fühlen & alles weitere ihrer Einrichtung; aber beim Menschen hat er die Seele nicht gestrichen; er wollte in den Augen des Publikums gläubig & in den Augen der Philosophen philosophisch bleiben.“ (La Mettrie nach Bernd Schuchter, S. 90). Diese Thesen formulierte er in der Skandalschrift L’homme machine. Während andere Denker noch bemüht waren, aufklärerische Ideen im Einklang mit den vorherrschenden Ansichten zu bringen, um sich nicht der Verfolgung auszusetzen oder ihre Stellung zu gefährden, dachte und schrieb unser Bretone konsequenter und musste sich schließlich auch aus dem toleranten Holland verabschieden.

Friedrich der Große hielt ihn sich bis zu La Mettries Pastetentod als philosophischen Hofnarren. Ironie als Stilmittel entwickelte La Mattrie zur Meisterschaft. So übernahm er selbst den Spitznamen „Herr Maschine“ für sich. Nach anfänglicher Zensurfreiheit unter Friedrich II. konnte 1750 seine epikureischste Schrift jedoch nur als Vorwort zu einer Seneca-Übersetzung erscheinen. Im Discours sur le bonheur predigt er eine Kunst des Genießens nach Epikurs Vorbild.

Eine kleine Rezeptionsgeschichte

La Mettrie war weder ein direkter Schüler eines Denkers vor ihm, noch begründete er eine Schule. Nicht einmal atheistisch-materialistische Philosophen wir Feuerbach oder Marx bezogen sich auf ihn, er wurde immer als primitiver Mechanist abgetan und erst im späten 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Ich finde aber, dass sein Denken und sein Leben uns dennoch wesentliches zu sagen haben. In der Literaturgeschichte finden wir das Automaten- oder Maschinenmotiv häufiger wieder: So müssen sich E. T. A. Hoffmann und Mary Shelley mit diesen Ideen auseinandergesetzt haben und verarbeiteten sie zu Der Sandmann und Frankenstein.

Welche Bedeutung haben Denken und Leben La Mettries heute für uns?

Heute könnte L’homme machine wieder eine Renaissance erleben. Wir diskutieren viel über Künstliche Intelligenz und lernende Algorithmen, Roboter bauen andere Maschinen, Computerchips entwerfen die Chips der nächsten Generation und Chatbots beantworten unsere Anfragen. Wenn der Mensch eine Maschine ist, können wir ihn nachbauen. Und wir sind dieser Möglichkeit inzwischen so nahe gekommen, dass kaum noch jemand daran zweifelt, dass sie bald realisiert wird. Wie hat sich dieser Gedanke in der Ideengeschichte entwickelt? Den etwa gleichaltrige französische Automatenbauer Jacques de Vaucanson lud der Alte Fritz ebenfalls nach Potsdam ein. Dieser sagte als französischer Patriot jedoch ab. Der Maschinengedanke lag in dieser Zeit offensichtlich in der Luft. La Mettrie und Jacques de Vaucanson nahmen Bionik und Robotik vorweg und stellten dadurch unweigerlich die Frage, was der Mensch ist. La Mettrie könnte daher für die Ideengeschichte noch an Bedeutung gewinnen.

La Mettrie schrieb in einer Zeit, als das Aussprechen und Schreiben neuer Erkenntnisse noch eine gefährliche Beschäftigung war. Nicht nur Ansehen und Karriere standen auf dem Spiel, sondern auch Freiheit und Leben. Der Staat übte Zensur und unterband alle Publikationen, die der gesellschaftlichen Ruhe gefährlich werden konnten. Und auch die Autoritäten in den wissenschaftlichen Disziplinen wachten darüber, worüber geredet, gedacht und geschrieben werden darf.

Bücher wie dieses zeigen uns, dass einige Missstände über die wir uns heute erregen, in vergangenen Jahrhunderten viel schlimmer war. Dafür müssen wir auch nicht die viel bemühte NS-Zeit aufführen, als gutes Beispiel dient auch der Absolutismus. Aber auch heute müssen wir auf unsere Redefreiheit und unsere Kunstfreiheit aufpassen. Wie so vieles schon aus den USA zu uns herüberschwappte, so besorgt mich ein Phänomen, dass unsere Freiheit gefährdet. Wenn dort bereits Wissenschaftler vorsichtig sein müssen, wem sie was sagen und Ovid an amerikanischen Universitäten nicht mehr gelesen wird und mit Warnhinweisen versehen wird, sollten wir alarmiert sein. Auch bei uns wurden schon Bilder abgehängt und Gedichte übermalt, weil sie jemanden stören könnten. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Themen die gemieden werden, kann nicht stattfinden. Ein Bild, das nicht ausgestellt wird, kann keinen Diskurs anregen; ein übermaltes Gedicht kann uns nicht herausfordern.

Wer an eine offene Gesellschaft interessiert ist, muss auch Dinge aushalten können, die nicht ins eigene Weltbild passen. Das und nur das nennt sich Toleranz!

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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