On Bullshit

Die Blase des globalen Geschwätz dehnt sich immer mehr aus. Nicht mehr nur Politiker und Marken tragen ihre Botschaften zu uns,  jede „Ich-AG“, jeder Influencer, jeder Promi betreiben ihre PR. Zweck der Botschaft ist ihre Aufmerksamkeit erzeugende Wirkung. Der Wahrheitsgehalt ist egal.

Wir lesen es, wir sehen es im Fernsehen und hören es in der U-Bahn: Dieses leere Gerede, dass groß klingt, inhaltlich aber leer ist, von dem viele längst die Nase voll haben. Es führt uns nirgendwo hin, nicht zum Glück und nicht zur Wahrheit. Wir wissen alle, was es ist, dieses signallose Rauschen, können aber nicht richtig fassen, was es ausmacht.

Mit On Bullshit empörte sich der US-amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt bereits 1986 über dieses Phänomen. Erst im Jahr 2005 erschien sein Aufsatz als kleines Buch und wurde in wenigen Wochen nicht nur zum Bestseller, sondern zum Kultbuch. Doch Bullshit setzte seinen Siegeszug fort. Frankfurt kannte noch nicht das Internet und alle von ihm beobachteten Phänomene vervielfachten sich bis heute. Im Netz fand ich schon eine Kritik an Frankfurts Text, doch nicht ernstgemeint zu sein. Ja, der Text ist polemisch, aber mir kommt Frankfurt zornig vor, mit einem ziemlich ernst gemeintem Anliegen.

Harry G. Frankfurt analysiert den Begriff „Bullshit“ und grenzt ihn von Unsinn, Humbug, Blödsinn und vor allem von der Lüge ab. Dabei zeigt sich, dass er ins Deutsche nicht eins zu eins übersetzbar ist. Ähnlich ist er am ehesten dem „Humbug“, diesem Begriff fehlt aber die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Bullshit wird in Werbung und Öffentlichkeitsarbeit sichtbar, vor allem wenn Menschen gezwungen werden oder sich gezwungen sehen oder auch nur Gelegenheit haben, über Dinge zu sprechen, von denen sie nicht genug verstehen.

Frankfurt analysiert ein Wort aus der Umgangssprache. Dadurch kommt er über die alltägliche Verwendung hinaus zu einer genauen Beschreibung des Phänomens, die es erlaubt Bullshit zu identifizieren. Es ist nicht weiter überraschend, dass Frankfurt es bei diesem Vorgehen nicht auslässt, auf Wittgenstein zu verweisen. Auch Wittgenstein wandte viel Energie auf, solchen Formen von Unsinn zu begegnen. Anhand einer Anekdote aus Wittgensteins Leben, wird auf die Schludrigkeit als ein Merkmal von Bullshit verwiesen. Aber das ist nach Frankfurt kein sauberes Kriterium für Bullshit. Er macht neben gepfuschten (ja, Frankfurt sieht Parallelen zu minderwertig hergestellten Produkten) Bullshit auch raffiniert ausgetüftelten und taktisch angewendeten Bullshit aus, mit dem einige Berufsgruppen viel Geld verdienen.

Das wichtigste Merkmal ist die Gleichgültigkeit des Bullshitters gegenüber der Wahrheit. Ob seine Aussagen wahr oder falsch sind, ist ihm egal. Daher ist der Bullshitter ein größerer Feind der Wahrheit, als der Lügner.

Kritik

Frankfurt identifiziert als Grund für die Zunahme des Bullshits die Demokratie. Jeder Bürger glaubt, eine Meinung zu sämtlichen Themen haben und äußern zu müssen. In einer Zeit, in der wir die Demokratie verstärkt verteidigen müssen, löst diese Diagnose in mir Unbehagen aus. So sehr ich bei seiner Begriffsanalyse mitgehe, sehe ich auch andere Gründe als die Demokratie, die zur Vermehrung des Bullshits beitragen. Seit Jahrzehnten fragmentieren westliche Gesellschaften zunehmend in Interessengruppen und der Kampf um Aufmerksamkeit wird für die zahllosen Gruppen, Marken, Organisationen, Institutionen und Individuen schärfer. Der Anpassungsdruck verführt zu Mitteln, die konsequent auf die Erzeugung von Aufmerksamkeit abzielen. Mehr noch als die Demokratie sehe ich in der vermehrten und beschleunigten Aufmerksamkeitsökonomie eine Triebfeder für die Produktion von Bullshit.

Bullshit-„Forschung“

Inzwischen sind weitere Texte veröffentlicht worden, die Frankfurts Bullshit-Begriff aufnehmen und weiter analysieren. Ich gebe hier einen kleinen Überblick.

Stephen Law ist auch durch philosophische Jugendbücher bekannt und geht in Glauben Sie nicht jeden Bullshit auf den taktisch ausgeklügelten Bullshit ein. Mit „Wie Sie mentale Verführer durchschauen“ verrät der Untertitel bereits den praktischen Ansatz des Buchs, die Tricks professioneller Bullshitter zu entlarven. Law zählt 8 Tricks. Mit Schrecken stellte ich beim Lesen fest, wie allgegenwärtig einige fiese Tricks sind; so allgegenwärtig, dass sie von einigen vielleicht schon unbewusst angewendet werden um uns von sich zu überzeugen.

Einen sehr starken Bezug zu unserer Gegenwart bietet das 191. Kursbuch Bullshit.Sprech, jetzt im Murmann-Verlag. Einige prominente Intellektuelle aus den verschiedenen Sparten kommen zu Wort. Bullshit in der Business-Sprache, in der Sprache der Ökonomen, im Polittalk, dem religiösen Sprechen, beim Fussball, im Pop und auch unter Juristen wird näher betrachtet. Das Kursbuch nennt gute aktuelle Beispiele: So ist die fadenscheinige Begründung für Deniz Yücels Haft purer Bullshit, „offenkundiger Unsinn“. Wahrscheinlich ist das seinen Peinigern sogar bekannt, aber sie hoffen damit durchzukommen. Und nur darum geht es laut Harry Frankfurt: Um die Wirkung des Gesprochenen, nicht um die Wahrheit.

Mit einem verwandten Thema beschäftigt sich David Graeber in seinem jüngsten Buch Bullshit-Jobs. Damit meint er jene Jobs, die verschwinden könnten, ohne dass ihr Fehlen jemand bemerken würde. Das Gegenteil macht sich bei den Jobs bemerkbar, die eine echte Funktion haben. Wenn Lokführer streiken, spürt die Gesellschaft die Folgen. Was passiert wenn Unternehmensberater streiken? 

Literatur:

Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Princeton University Press 2005

Harry Frankfurt: Bullshit. Suhrkamp 2006 (hier nicht im Bild)

Stephen Law: Glauben Sie nicht jeden Bullshit. Huber 2012

Armin Nassehi, Deniz Yücel et al.: Kursbuch 191. Bullshit.Sprech. Murmann 2017

David Graeber: Bullshit Jobs. Klett-Cotta 2018

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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