Über Krimis – Ergänzung (Pik-Bube)

In Joyce Carol Oates‘ jüngstem Buch „Pik-Bube“ ist auf Seite 36 ein Satz zu finden, der mir wie eine schöne Verdichtung meines Krimi-Essays vorkommt:

„Leser dieses Genres haben jedes Recht zu erwarten, dass ein ungeschriebener Vertrag zwischen ihnen und dem Krimiautor besteht – dass das „Böse“ angemessen bestraft und das übliche Chaos der Welt radikal vereinfacht wird, um einen Schluss zu ermöglichen, der sowohl plausibel als auch überraschend ist.“

Wir erkennen hier eines der Hauptcharakteristika des Krimis: Das „Böse“ und Chaos brechen in die Romanwelt ein und diese wird (durch einen Ermittler) wieder in Ordnung gebracht. Mit dieser Erwartungshaltungen greifen viele Lesende zu Krimis. Diesem Muster folgt auch Oates, obwohl andere eindeutige Krimielemente in ihrem neuen Roman fehlen. Mit dem Schluss, „der sowohl plausibel als auch überraschend ist.“, nimmt sie vorweg, was den Schluss ihres jüngsten Buches vor allem ausmacht, zu überraschen, obwohl er plausibel ist. Auch die radikale Vereinfachung des üblichen Chaos der Welt scheint ein wichtiges Bedürfnis zu sein, das Krimis erfüllen. 

Wahn und Wirklichkeit geraten bei Joyce Carol Oates kräftig durcheinander. In ihrem jüngsten Roman „Pik-Bube“ sieht sich ein bekannter Krimiautor Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Die Vorladung zur Anhörung vor Gericht setzt ihm sehr zu. Bereits dieses fast schon banale Alltagsereignis im ersten Teil des Romans versteht Oates in ein bedrohlich wirkendes Szenario zu verwandeln. 

Joyce Carol Oates wird schon lange als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Wie vielen anderen amerikanischen Schriftstellern blieb er ihr bislang versagt. Dabei hat sie ein großes, bereits vielfach ausgezeichnetes Werk aus Romanen, Lyrik, Dramen und Essays geschaffen und zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

„Pik-Bube“ ist das geheimnisvolle Pseudonym eines erfolgreichen Krimischriftstellers. Unter seinem richtigen Namen schreibt Andrew Rush gefällige Krimis und als sein nicht enthülltes Pseudonym sehr verstörende Thriller. Nachdem im ersten Teil des Buches Rush in eine existenzielle Krise gerät, übernimmt die Persönlichkeit Pik-Bubes zunehmend die Macht über Rush. Nicht nur, dass er als Pik-Bube Nachts immer produktiver wird, während er mit seinem Krimi-Projekt nicht mehr weiter kommt, bekommt Pik-Bube auch immer mehr Macht über seine übrigen Handlungen. 

Es ist unnötig jetzt noch zu erwähnen, dass mir dieser spannende Roman ausgesprochen gut gefiel. Auf nur 207 Seiten und mit nur wenigen Figuren ist Oates ein grandioser literarischer Thriller gelungen. 

 

Bernd Schäfer

Philosophierender Buchhändler mit Internetanschluss.

 

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